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Alles ist Rhythmus

Aktualisiert: 6. Okt. 2022

Erinnerst Du Dich noch an diese Kniereiterspielchen?

Man hole ein kleines Kind auf die Knie, spreche ihm einen rhythmischen Vers vor, wippe mit den Füssen bis hin zum „Plumps“ – und schon sind zwei Menschen fröhlich lachend am Erleben eines uralten Brauchs, nämlich, dem Kind freudige Sicherheit durch mehrmaliges Wiederholen gleicher Wörter und Bewegungen zu vermitteln.

Rhythmus gibt Sicherheit, und Lieder sowie Reime, die dem Herzschlag oder dem Schrittempo entsprechen, tragen bereits schon den Keim des Erfolges in sich. Das weiß man in der Hitindustrie ebenso wie im Militär, wenn die Soldaten in einheitlichem Schritt mit Marschmusik stimuliert werden und sich der Drang nach Sieg ins Bewußtsein senkt.

Auch das Tanzen regt uns an, in den Lebensrhythmus einzutauchen und uns der Lust an der Bewegung hinzugeben. Es gibt kaum etwas Beschwingteres, als sich in Einheit mit dem Partner im Klang und Rhythmus der Musik zu bewegen. Musik ist ja eine Art “Stenographie der Gefühle“! Es gibt kaum etwas Beschwingteres, als sich in Einheit mit dem Partner im Klang und Rhythmus der Musik zu bewegen. Musik ist ja eine Art “Stenographie der Gefühle“!

Das Metronom hilft dem noch Ungeübten, beim Musizieren in den richtigen Takt zu kommen, so, wie auch der Tastaturschreibschüler durch das Ticken des Taktmessers Entkrampfung und Sicherheit spürt und die Finger bald entspannt von selber auf die richtigen Buchstaben huschen.

Es ist erwiesen, daß Rosenkranzbeten, OM-Gesänge oder gesprochene Mantras eine gesundheitsfördernde Wirkung haben. Das laute Rezitieren antiker Gedichte, während man einen Raum durchschreitet, hat in mehreren Versuchen gezeigt, daß Puls und Atem in Übereinstimmung gelangen. Das Hexameterversmaß, bei dem sechs Silben pro Verszeile betont werden (wie beim OM MANI PAD ME HUM ), schwingt den Körper in seinen eigenen Rhythmus ein, was Atem und Herzschlag beruhigt.



Rhythmus ist steter Ausgleich

Worin liegt denn der Unterschied zwischen Takt und Rhythmus? Das eine braucht das andere; Takt ist das abgemessene Zeitmaß einer rhythmischen Bewegung, während Arturo Toscanini, der berühmte italienische Dirigent des letzten Jahrhunderts es etwas derber ausdrückte: “Jeder Esel kann den Takt schlagen, aber Musik machen ist schwierig.“ Der Takt wiederholt, ist streng geordnet, führt maschinenartig aus, der Rhythmus hingegen erneuert und verändert sich ständig in Abhängigkeit vom Ganzen. Er ist der Pulsschlag des eigenen Lebens, geborgen im großen Rhythmus des Universums, elastisch, eine verwandelnde, entwicklungsfähige Kraft, die es dem Menschen bis ins Alter erlaubt, beweglich zu bleiben, wenn vielleicht auch in etwas gemächlicherem Tempo.

Rhythmus zu leben ist eine geistige Herausforderung für jeden Menschen. Zu lernen, spontan und offen für Neues zu bleiben, es anzuwenden, sich dem Fluß des Lebens hinzugeben und nicht am Alten hängen zu bleiben, ist wahre Lebenskunst. Das Geheimnis in den rhythmischen Vorgängen liegt darin, daß fortlaufend Gegensätze in ein Verhältnis zueinander gebracht werden, das heißt, daß sie sich gegenseitig immer wieder ausgleichen. Einatmen–Ausatmen, Schlafen–Wachen, Beten–Arbeiten, Anspannen–Entspannen, Essen–Verdauen. Wird dieses Gleichgewicht gestört, entsteht Krankheit, die gezwungenermaßen Ausgleich fordert. Rhythmus ist ein Naturgesetz, von Gott gesetzt und von der Natur gelebt. Schon Francis Bacon warnte uns, gegen diese Natur zu leben: „Wir können die Natur nur dadurch beherrschen, daß wir uns ihren Gesetzen unterwerfen.“

Wohl die zwei wichtigsten, lebenserhaltenden Rhythmen in unserem Dasein sind Herzschlag und Atem. Das Hochleistungsorgan Herz, das pausenlos, ohne Wartung, unermüdlich in rhythmischer Folge 70-mal pro Minute, 100’000mal am Tag und 36'800’000mal im Jahr ein ganzes Leben lang schlägt, ist doch ein unvorstellbares Meisterwerk. Wohl dem, der sich seines kräftigen, rhythmischen Schlagens bewußt ist und in Dankbarkeit anerkennt, daß dieses Instrument nicht zufällig schlägt, sondern uns mit dem liebenden, lebenserhaltenden Schöpfer verbindet. Ja, unsere Herzen schlagen im Rhythmus der Liebe, Tag und Nacht, auch wenn wir dies meist gar nicht bewußt wahrnehmen, bis uns vielleicht eine Rhythmusstörung mit unregelmäßigem oder beschleunigtem Pulsschlag beklemmt oder beängstigt und wir viel darum gäben, wieder ein beruhigendes, ungestörtes Klopfen in unseren Adern zu spüren.

Und die Lunge? Wir machen 16 bis 20 Lungenzüge in der Minute, 1’080 in der Stunde und, man höre und staune: 25’920mal atmen wir ein und aus an einem einzigen Tag! Von dieser Leistung war offenbar auch Goethe ergriffen, schrieb er doch einen Lobgesang auf dieses Wunderorgan:


„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden, Die Luft einziehen, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt, So wunderbar ist das Leben gemischt, .Du, danke Gott, wenn er dich preßt, Und dank Ihm, wenn Er dich wieder entläßt.


Wertvoll zu wissen ist auch, daß wir durch eine rhythmische Atmung von mehrmaligem, tiefem Einatmen, Anhalten Ausatmen, Anhalten (in einem 8er- oder 4er-Rhythmus) Gedanken und Gefühle besser unter Kontrolle bringen, was sich wiederum auch körperlich auswirkt. Raucher glauben, sich durch den Glimmstengel entspannen zu können, was jedoch verhindert, durch tiefes Einholen des Pranha mit dem Atem des Allmächtigen Schöpfers in Kontakt zu kommen, um spirituell zu wachsen.

Die Haut, unser größtes Organ, stößt alle 27 Tage ihre oberste Schicht ab und während des Zeitraumes von sieben Jahren sterben alle alten Zellen in unserem Körper und werden durch neue ersetzt. Dieser gnadenvolle Erneuerungsprozeß ermöglicht es uns, das Leben von neuem im Gesetz Gottes zu leben. Alle Funktionen des Menschen unterliegen also einem Rhythmus – und was dieses intelligente Körperwesen in aller Stille leistet, möge uns zum Denken und Danken anregen!



Rhythmus prägt die Natur

Die innere Organuhr ist Ihnen möglicherweise auch bekannt. Die Lebensenergie fließt durch die zwölf Meridiane und aktiviert die einzelnen Funktionsströme für zwei Stunden besonders, nämlich:

  • Von nachts 1 bis 3 Uhr die Leber,

  • von 3 bis 5 Uhr die Lunge,

  • von 5 bis 7 Uhr den Dickdarm,

  • von 7 bis 9 Uhr den Magen,

  • von 9 bis 11 Uhr die Milz,

  • von 11 bis 13 Uhr das Herz,

  • von 13 bis15 Uhr den Dünndarm,

  • von 15 bis17 Uhr die Blase,

  • von 17 bis19 Uhr die Niere,

  • von 19 bis 21 Uhr den Kreislauf,

  • von 21 bis 23 Uhr den Dreifach-Erwärmer, und

  • von 23 bis 1 Uhr die Gallenblase.


Auch der Schlafrhythmus ist etwas Ernstzunehmendes. Ein Neugeborenes ist noch 16 Stunden am Tag im unsichtbaren Reich – wenn es schläft – und kommt nur zurück, um den Hunger zu stillen. Ein vierstündiger Rhythmus von Schlafen und Trinken gibt ihm und seiner Umgebung Sicherheit, da es noch nicht imstande ist, seinen eigenen Zyklus zu finden. Der erwachsene Mensch nimmt die schon immer bekannte Empfehlung von genügend Vormitternachtsschlaf nicht ernst genug und glaubt kaum an die göttliche Weisung von acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und acht Stunden Erholung! Während einer gesunden, wohltuenden Nachtruhe werden wir jedoch mit kosmischen Kräften neu aufgeladen, können im feineren Körper wichtige Erfahrungen machen oder geschult werden, um Lösungen für unsere Probleme zu finden. Nicht umsonst heiß es, „den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“!

Die Umstellung auf Sommer- oder Winterzeit ist ein Eingriff in den Tag-Nachtrhythmus, und besonders im Frühling braucht es für Mensch und Tier einige Zeit der Anpassung, denn es bedeutete nicht nur, eine Stunde früher aufzustehen, sondern durch das späte Abendlicht auch länger aufzubleiben. Reisen in andere Kontinente sind spannend, fordern aber Tribut durch den Jetlag, und es dauert meist Tage, bis die innere Uhr wieder richtig tickt. Auch Schichtarbeit gehört nicht unbedingt zu einem natürlichen Lebensrhythmus, in sozialer wie in gesundheitlicher Hinsicht. Sie erfordert viel Anpassungsfähigkeit von unserem Körperwesen, die wir ihm durch Wertschätzung seines Dienstes erleichtern können.

Hippokrates (460-375 v. Chr.) erkannte und lehrte, daß, wer häufig gegen seinen biologischen Rhythmus lebt, davon krank wird. Mißachtungen zeigen oft nicht sofortige Wirkung, doch früher oder später sitzen wir alle am Tisch der Konsequenzen und fragen uns dann, „warum gerade ich?“

Chronos bedeutet Zeit, Bios-Logos ist die Lehre vom Leben, und die Chronobiologen (Lebenszeitforscher) haben erkannt, daß Schlafen, Wachen, Wachstum oder Fortpflanzung, Körpertemperatur, Konzentration, Potenz, Geschicklichkeit und Hörvermögen dem exakten Rhythmus der Zeit unterliegen. Dazu gehören auch die Jahreszeiten, die Mondphasen und die Gezeiten der Meere.

Wenn wir die Natur beobachten, wird uns sehr bald bewußt, daß vollkommener Rhythmus herrscht. Ob wir uns am Sonnenaufgang oder -untergang erfreuen – die auf die Sekunde genau für jeden Tag berechnet sind –, das Kommen und Gehen der Wellen im Meer erleben, oder die vier Jahreszeiten erfahren: alles geschieht in Göttlicher Ordnung, und niemand ängstigt sich, daß sich diese kraftvollen Ausdrücke der Schöpfung einmal nicht ereignen könnten. Es ist selbstverständlich, daß der Frühling wieder kommt mit seiner ganzen Auferstehungskraft und neuen Hoffnung, daß uns die Vögel mit ihrem Jubilieren am frühen Morgen beglücken, daß wir uns einstimmen in die Freude der Elementarwesen, die aus purer Liebe zur Schöpfung, sozusagen über Nacht, Blumen und Blätter in schönster Pracht, leuchtendsten Farben und symmetrischen Formen hervorbringen! Wird das immer so sein und bleiben?

Man stelle sich vor, die Sonne „verpasse“ einmal ihren Aufgang, oder verspüre Lust, ihren Zeitplan etwas abzuändern! Verzweiflung und Chaos wären vorprogrammiert, ganz einfach, weil wir die Sicherheit der Beständigkeit nicht mehr spürten, was Angst und Entsetzen auslöste und das gewohnte Leben in Frage stellte. Wir nehmen die Rhythmen der Natur als sehr selbstverständlich, machen jedoch im eigenen Leben wenig Anstrengung, diese kennen zu wollen, geschweige denn, ihnen nachzuleben.

„Wie ist das klein, womit wir ringen, wie ist das groß, was mit uns ringt“ ; diese Worte Rilkes (Der Schauende) haben es in sich, wobei es kein Ringen gibt in der Natur, sondern ein gesetzmäßiges Walten, das uns an den Ausgleich ermahnt.



Quelle: Zeitenschrift, Heft 51, 2006


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