LEidest Du noch - oder Schmerzt es bereits?
- sabinekleinheinz
- 8. Okt. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Leidest du noch oder schmerzt es schon?
Vom schweren Gepäck der Esel und der heiligen Kraft der Wandlung.

Wir leben in einer Welt, die das Leiden perfektioniert hat. Wir tragen es wie eine unsichtbare Uniform. Wir „e-rtragen“ Rückenschmerzen, desolate Beziehungen und die Einsamkeit in der Masse. Wie vollgepackte Esel quälen wir uns einen steilen, rutschigen Berg hinauf. Aber hast du dich jemals gefragt, ob das, was du spürst, ein notwendiger Schmerz ist – oder ein Leiden, das du eigentlich abstellen könntest?
Das Leiden: Der Rucksack der Vergangenheit
Leiden ist oft das, was wir tun, wenn wir den Schmerz nicht fühlen wollen. Wir packen ihn in unseren Rucksack und schleppen ihn mit. Da ist die alte Mutterwunde, die uns den Rücken krümmt. Da ist der Satz „Du bist nicht gut genug“, der wie ein schwerer Stein ganz unten im Gepäck liegt.
In unserer „Höher-Schneller-Weiter“-Gesellschaft sind wir Meister darin geworden, im Hamsterrad zu verharren, während wir innerlich mit dem Rücken an der Wand stehen. Wir leiden an der Isolation, an den Traumen der Kindheit, am Weltschmerz. Aber dieses Leiden ist oft statisch. Es ist ein schweres Verharren.
Der Schmerz: Die vergessene Initiation
Schauen wir zu den indigenen Völkern, sehen wir ein anderes Bild: Schmerz als Werkzeug der Reifung. Wenn die Ältesten der Hopi entscheiden, dass ein junger Mensch bereit ist, führen sie ihn hinab in die Kiva – den heiligen, unterirdischen Raum, den Schoß der Erde.
Dort, in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit, durchläuft die heranreifende Seele Prüfungen und Zeremonien. Es ist ein Prozess des Stirb-und-Werde. Was dort an Ängsten durchlebt wird, steht diametral zum restlichen Leben, das sicher in der Gemeinschaft eingebettet ist. Doch man kommt verändert zurück: Man taucht aus der Tiefe neugeboren wieder auf. In unserer westlichen Welt haben wir verlernt, Schmerz als solche Wandlung zu begreifen. Wir betäuben ihn, anstatt ihn als das zu sehen, was er ist: ein lauter Ruf nach Aufmerksamkeit.
Vertrauen: Die Brücke in die Tiefe
Hinter dem Leiden steht oft ein Mangel an Vertrauen – das Gefühl, alles allein halten zu müssen. Doch Vertrauen ist nicht nur ein psychologisches Konzept; es ist die Entscheidung, sich der uns umgebenden und der uns innewohnenden Natur anzuvertrauen.
Wenn wir uns als Teil eines größeren Ganzen begreifen, fällt der Widerstand. Dieses tiefe Urvertrauen ist es erst, das uns das Hingeben in den Schmerz ermöglicht. Ohne Vertrauen halten wir fest; mit Vertrauen lassen wir uns in den Ozean sinken, weil wir wissen, dass das Wasser uns trägt.
Die stillen Lehrer: Pflanzen und Bäume
Auf diesem Weg der Hingabe müssen wir nicht allein sein. Die Natur um uns herum – die Bäume und Pflanzen – sind unsere mächtigsten Verbündeten. Hast du schon einmal beobachtet, wie eine alte Eiche im Sturm steht? Sie leidet nicht unter dem Wind; sie vertraut auf ihre Wurzeln, während sie sich biegt. Sie lässt ihre Blätter im Herbst los, ohne zu zögern, im tiefen Wissen, dass der Rückzug in die Dunkelheit der Erde die Voraussetzung für neues Leben ist.
Pflanzen sind Meister der Initiation.
Ein Samen muss in der dunklen, kalten Erde aufbrechen – ein schmerzhafter Prozess der Zerstörung seiner bisherigen Form –, um zu keimen. Wenn wir uns an einen Baum lehnen oder die Heilkraft der Pflanzen nutzen, geschieht mehr als nur Entspannung. Wir verbinden uns mit ihrer Frequenz des radikalen Akzeptierens. Bäume halten den Raum für uns; sie werten nicht. Sie bieten uns den Halt, den wir brauchen, um uns unseren eigenen inneren Abgründen zu stellen. Sie lehren uns: Das Alte muss vergehen, damit das Licht der Sonne wieder Nahrung findet.
„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ – Martin Buber
Zeit für eine Rast: Was hast du im Gepäck?
Bevor du den nächsten Schritt den Berg hinauf tust, lade ich dich ein: Schnall das Gepäck ab. Nur für einen Moment. Such dir einen Platz abseits des Hauptweges, wo nicht jeder andere „Esel“ auf deine Sachen tritt.
Inventur: Was schleppst du mit? Ist es Nahrung (deine Kraftquellen)? Oder sind es alte Sätze, die dir nicht mehr gehören.
Auftanken: Kennst du deine Kraftquelle? Eine, die dir zuverlässig gut tut? Wenn du sie kennst, ist der erste Schritt zur Heilung getan.
Halt finden: Gibt es einen Menschen, der dich halten kann?
Du
rch den Ozean tauchen
Echten Schmerz zuzulassen, erfordert Mut. Ich weiß.
Durch viele tiefe Ozeane tauchte ich bislang.
Welche Ozeane? Oh, frag mich das wenn wir gemeinsam Feuer sitzen.
Du möchtest wissen wie und wo Du den Mut finden kannst?
Der Mut liegt hinter der Angst, unter der Wut.
Er ruft ganz laut in Dir. Zeigt sich sooft durch Krankheit oder psychische Leiden.
Sich dem Schmerz wahrlich hinzugeben braucht den Mut des Vertrauens.
Wenn du in diesen Ozean des Schmerzes tief hineintauchst, wirst du feststellen:
Man kann auch wieder auftauchen.
Der Unterschied zwischen Leiden und Schmerz ist die Bewegung.
Leiden ist das Tragen der Last ohne Ziel. Schmerz hingegen ist die Initiation – der Moment, in dem das Alte stirbt, damit das Neue, voller Licht und Energie, geboren werden kann.
Wie sieht es in deinem Rucksack aus? Wenn du heute eine Sache aus deinem Gepäck am Wegrand liegen lassen könntest, welche wäre das? Schreib es mir in die Kommentare oder antworte mir direkt – lass uns gemeinsam den Weg abseits des Hamsterrads finden.



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